Gestern hab ich lange mit Richard telefoniert. Wir sprachen über Kollegen, über bekannte und unbekannte Namen, über Menschen, Künstler und mit wem wir schon mal zu tun hatten. Ich bin immer superneugierig bei sowas. Neugierig herauszufinden, ob der Ruf, der manchem vorauseilt, auch angemessen ist und passt. Richard hatte über mehrere Monate mit Stevie Wonder zu tun gehabt. Stevie Wonder, hallo, Herrschaften, alles klar? Wahnsinn, genau meine Zielzone. Eine Legende, Celebrity, ein musikalisches Leitbild –  und da will ich doch gleich nachbohren:
“Und äh, Rich, los sag, wie ist der Stevie Wonder so, ich meine menschlich, charakterlich, so im Umgang, muss ich echt wissen jetzt.”

Und Richard enttäuschte nicht. “Great person, wonderful human being, aside from the musical genius that he is. You should have seen him record. He arranges in the middle of recording. Out of the blue. Brilliant. Fabulous. A genius. And with his little baby, he was so gentle, so full of love and …” (“Großartige Persönlichkeit, wunderbarer Mensch, mal abgesehen von dem musikalischen Genie, das er ja ist. Du solltest ihn beim Aufnehmen sehen. Er arrangiert mitten in den Aufnahmen. Einfach so. Brilliant. Fabelhaft. Ein Genie. Und mit seinem kleinen Baby, da war er so zärtlich und liebevoll und…”) …und ich konnte ihn gar nicht mehr stoppen.

Ich wollte ihn auch gar nicht aufhalten. Ich war einfach nur erleichtert, erlöst. Ja, gute Nachrichten: Eine Ikone darf eine Ikone bleiben. Eine Legende hat ihren Platz zurecht. According to Richard. Und darum geht es ja. Er hat ihn so erlebt und ich freue mich wie ein Schnitzel, dass er es nicht nur so erlebt, sondern auch so wahrgenommen hat – und darüber so redet – ohne politisches Kalkül, ohne ein ‘Ja, aber…’.
Das erinnert mich auch gleich an ein schönes Gespräch mit Doug auf der Messe. Doug ist ein alter Freund, der auch schon ordentlich rumkam. Und Achtung, jetzt kommt’s – er hatte mal mit Carlos zu tun. Yep, mit meinem Carlos Santana, versteht ihr? Wir reden hier von Carlos, the MÄN – mein Stichwort. Ich zappelte wie ein Sextaner:  “Und, und? Komm schon!” Bei Carlos bin ich Riesenfan auf Lebenszeit. Und – wurde auf einmal ängstlich. Ich hatte noch nie Carlos getroffen, noch nicht mal jemanden gekannt, der ihn gut kannte UND auf dessen Urteil ich mich verlassen konnte (siehe unten). Das war der Moment der Wahrheit. Und verdammt, ja, ich will noch an was glauben dürfen. Ich will noch was gut finden dürfen, Fan sein dürfen. Ohne Reue, ohne Ernüchterung. Also, kommt jetzt Ernüchterung? War ich vielleicht bloß ein weiteres dämliches Opfer der PR-Maschinerie gewesen? Geschlagene 35 Jahre stabil eingeseift?

Ich musste es wissen: “Und äh, sag, wie ist der Carlos Santana so, ich meine menschlich, charakterlich, so im Umgang, bin ja’n Megafan, muss ich echt wissen jetzt.” “Well, he is incredible. Very kind, polite. Very spiritual. Authentic. He knows exactly what he is doing. Great guy…etc…etc…” (“Also, er ist unglaublich. Sehr freundlich, höflich. Sehr spirituell. Authentisch. Er weiß genau was er tut. Super Typ….) Uff, da fiel mir ein Stein vom Herzen.

Und im selben Moment erinnerte ich mich an einen Kollegen, vor ein paar Jahren, der hatte Carlos Santana im Hotel in Köln mal im Aufzug “getroffen”. Damals hielt es mich auch nicht auf dem Stuhl “Und äh, sag, wie ist der Carlos Santana so, ich meine menschlich, charakterlich, so im Umgang, bin ja’n Megafan, muss ich echt wissen jetzt “. “Voll der Arsch. Der stand da voll so arrogant im Aufzug drin mit Sonnenbrille, hat mit keinem geredet und hat null gelächelt”. Das tat weh. 

Ähnlich wie kürzlich, als ich erfuhr, dass ein Bekannter von mir einen Fernsehjournalisten getroffen hatte, den ich als Zuschauer immer sympathisch und kompetent empfand. Auf meine zwangsläufige Nachfrage – ihr kennt mich – erhielt ich “Was ein Penner. Null Ahnung von nix. Macht bloß auf dicke Hose.” 

Zufall?

Zufall, dass die guten Beurteilungen zweimal aus England und die schlechten zweimal aus Deutschland kamen? Ganz ehrlich – ich weiß es nicht.
Nehme ich mir allerdings etwas Zeit, dann – njein, vielleicht nicht direkt Zufall. Aus dem Bauch heraus würde ich meinen, dass es tendenziell schon was zeigt. Dass bei “uns” schon eher das Negative und bei den Engländer, ebenso wie bei den Amerikanern, eher das Positive vorherrscht.
Aber ist das alles so sehr ein Vorurteil, dass man solche Zufälligkeiten auf gar keinen Fall wahrnehmen, geschweige denn berücksichtigen dürfte? Dass jeder Rückschluss darauf politisch gänzlich unkorrekt wäre?
Bedauerlicherweise: Der Begriff “Vorurteil”  hat den Begriff “Urteilsvermögen” schon fast aus dem Amt gedrängt. Sind diese Beobachtungen von Deutschland vs. England vielleicht nur verzerrte Erinnerungen? Täuschungen? Oder vielmehr etwas, das man immer wieder wahrnimmt, aber gelernt hat, pflichtschuldig und politisch korrekt aus dem Cache zu löschen, nach dem Motto “Lass mal gut sein, hilft ja nix.”?

Stimmt es, dass wir Deutschen eher “a bunch of miserable fucks” sind und die Engländer vielleicht im Gegenzug eher “good fun and great company”? Uiuiui. So kann man das natürlich nicht stehen lassen. Ok, nicht stehen lassen, aber eventuell mal zur Diskussion stellen. Vielleicht ist das ein Weg. Ich kann mich ja nicht gänzlich abkoppeln. Bin ich kein Wissenschaftler, kein Statistiker just in diesem Feld, dann ist alles ein Vorurteil, eine Meinung aus zweiter Hand. Aber wenn ich diese Wahrnehmungen nicht einkalkuliere in meine Weltsicht, dann begreife ich nicht, nach welcher Trommel meine Welt marschiert. Grüner Salat ist besser als gelber, rote Autos sind schneller als blaue, Deutsche haben keinen Humor, Amis keine Kultur, Engländer können nicht kochen…. Wahr oder unwahr? Bauchfrage.

Sicher ist jedenfalls, dass ich mich mit Vorurteilen auseinandersetzen muss, weil sie Warnhinweise sind auf eventuelle Häufungen, auf Tendenzen und Neigungen. Auch wenn es bedeuten könnte, dass wir gelegentlich miserable fucks sind. Wenn mir dieses Vorurteil stinkt, und das tut es gewaltig, dann muss ich aktiv werden. Denn Vorurteile sind das Resultat von Passivität. Und in der Passivität gedeihen sie prächtig. 

Sind wir Miesmuffel, Stänkerer, Schlechtmacher? Nichts rechtfertigt meinen Standpunkt – keine Erhebung, keine Statistik, keine Studie und keine Umfrage. Nur ich selbst. Ich und meine Wahrnehmung und mein Wunsch nach etwas guter Energie, freundlicher Nachrede, Wohlgesonnenheit und Toleranz.  

Und es fällt mir einfach auf, wie sehr mich eine gute Rückmeldung über ein Konzert, einen Film, einen Künstler, einen Promi freut. Ich fühle mich manchmal wie ein Verdurstender in der Wüste. Es kann doch nicht sein, dass wir tagtäglich Musik konsumieren, genießen, kaufen und weiterreichen und auf jede Rückfrage nur den kleinsten gemeinsamen, den niedrigsten Nenner zustande kriegen. 

Vorurteile sind das Resultat von Passivität. Und das gilt vor allem anderen für das Web. Für Foren. Für viele von unseren Foren, wo es ums Fan-Sein geht, um Begeisterung und Identifikation. Um Markenkult und Markenstolz, um Communities, denen man angehören möchte und um solche, die einem gar nicht behagen. 

Es geht darum, dass in Diskussionsforen miese Standpunkte und schlechter Stil viel zu selten für ihre Schlechtigkeit an sich angegriffen werden. Da wird allenfalls nach dem Moderator gerufen. Gleichzeitig suchen wir aber gerade dort so gern nach Inspiration und Ansporn, nach guter Energie und Ideen. Und wie sehr kann man gerade dann getroffen, dann runtergezogen werden. Lob wird wohl immer noch als Schwäche, als Anbiederung, als Hörigkeit und Unfähigkeit zur Kritik empfunden. Denkende Menschen müssen kritisch sein. Erwachsene erst recht! Ja, von mir aus. Aber fühlende Menschen brauchen was zum Leben. Die brauchen Begeisterung, ein wenig Fan-Sein, ein wenig aufgehen dürfen in der Begeisterung, gut drauf sein. Und darüber reden dürfen, ohne sich dabei zum Deppen zu stempeln. Dazu sind wir in Deutschland nicht immer befähigt. Mehr harmlose Begeisterung, weniger Fanatismus. Mehr Freude an etwas, ohne politische Agitation. Warum muss der Fan von Band A die Band B zwanghaft dissen, Scheiße finden, bekämpfen? Wer hat uns den Mist denn beigebracht? 

Okay, ich bin ein hoffnungsloser Optimist und ich bin nicht sicher, ob klar wird, was ich heute will. Mir hat grad das Bauchgefühl die Feder geführt. Und so gesehen, schaden kann’s ja nicht, oder?

Hey, und vielleicht ist ja doch was dran an so Vorurteilen mit den Amis und so. Ich hatte einen Kollegen mit seiner Frau aus Los Angeles zu Besuch und die Idee, das Kloster Andechs zu besuchen. Vor dem Bier. Nachher hätte ich ihnen auch den S-Bahn-Kiosk zeigen können. Jedenfalls wir stehen in der berühmten Klosterkirche aus dem Jahr 1420 mit dem überbordenden Rokoko aus dem Jahr 1751. Er fand es ‘nice’.
Sie sieht sich die Sache etwas genauer an und kommt zu dem Schluss:
“We have a church just like this in Arizona.” 
Ich denk drauf:
Honey, als die den Wigwam hier zusammengeschraubt haben, war dein Arizona noch ‘ne Scheibe.

Aber gesagt hab ich natürlich nichts. Ihr kennt mich.

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