April 2009


Ja, ja, ja, Ostern – was soll ich denn stichhaltiges bloggen, wenn man dauernd mit Fressen vor der Nase rumgefuchtelt kriegt? Jetzt ebbt’s langsam ab, ich krieg wieder freie Sicht. Und zack, sitz ich auch schon wieder an der Tastatur – ihr kennt mich.

Aber so einfach abschließen lässt sich das auch wieder nicht. Grad eben zum Beispiel, da zieh ich noch ne Packung Schoko-Eier von Lindt & Sprüngli aus dem Altpapier. Ja, gehören die nicht in den Plastikmüll? Gelb-Grün, sympathisch, optimistisch und soll auch fast nicht dick machen – suggeriert jedenfalls das Polypropylurethanverpackungsgeschwür. Lecker. Geschmacksrichtung? Wo steht das – Moment, hab’s gleich, hier: Holunderblüte.  …. Häh? Holunderblüte? Haha, sehr witzig, los zeigt euch, ich weiß, dass ihr da seid! Versteckte Kamera, ganz alter Hut! Aber nee, keiner da. Ich les nochmal gaaanz laaangsam. Ja, verdammt, wortwörtlich: Holunderblüte. Haben wir das Zeugs nicht früher geraucht? Und sowas tun die jetzt echt in die Ostereier? Aliens, perverse! Schoko mit Schokogeschmack reicht wohl nimmer. Der Turmbau zu Babel, die letzten Tage von Pompeji. Schlimm das. Ich musst’s natürlich gleich probieren.

Boooa, Herrschaften, wie bäh ist das denn? Ganz bäh! Lieber rauchen. Aber hey, wozu gibt’s Marketing? Wer bäh kocht, muss mmh schreiben. Und wenn man die Textknoten auf der Tüte liest, also Hut ab, so wird’s gemacht. So ungefähr zumindest. Weil, die machen da auf ganz dicken Betäubungsmittelmissbrauch. Im Ernst – wie gut muss Sprache sein, dass sie solches still durchleidet? Ich zitiere:

Lindt & Sprüngli – Ostern im Elfental. Elfen sind zarte und zauberhafte Märchenwesen. Als Engel des Frühlings lieben sie den Glanz und den Duft der Blüten im Elfental. (So Scheiß hab ich immer in meinen Matheschulaufgaben geschrieben, wenn ich nicht mehr weiter wusste. Dann hab ich vom Schulrat sechs Wochen therapeutisches Paddeln in Neuseeland gekriegt. Da drunten gab’s Holunder bis zum Abwinken. Sehr geil da.) Mit Leidenschaft und Hingabe unterstützen sie die Blüten in ihrem Wachstum (das ist ein Code, ich spür das) und ihrer Entwicklung. Inspiriert von dem Zauber der Elfen haben die Maîtres Chocolatiers von Lindt (eher von der Venus) etwas ganz besonderes geeiert, tschuldigung kreiert: usw, usw, bla bla…”

Jedenfalls diese Holunderblüten in diesen Eiern, sowas tun doch nur Drogenkuriere, oder Aliens oder so. Aber was will man machen. Deshalb sag ich immer: Halb so wild – nichts, was 48 Stunden Bewusstlosigkeit nicht kurieren könnten.

Insgeheim mach ich mir aber schon Sorgen. Bald tun die Crack in die Eier. Und Geschmacksverstärker. Und Gen-Mais. Die Schokolade ist nur Ablenkung. Das ist wie in Akte-X. Sie bauen uns um. Ganz langsam. Keiner raucht mehr. Alle lutschen diese grünen Eier. Gibts auch in “Blütenhonig in Milch-Crème”. Dieser Zacken auf dem è, das ist ein Zeichen. Und dieser Gefechtskopf auf dem î von diesem Maîtres, so wie das Ding oben auf der Packung, wo diese geflügelte Kurierelfe grad diese Riesendrogenladung abliefert –

elfeneier2

genau hinsehen Herrschaften, das zeigt alles klar nach oben, ins All, aus unserem Sonnensystem raus, weit raus. Ich krieg schon noch raus, wo die herkommen.

Ich bin da dran. Ihr kennt mich.

Ich meld mich. 

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Die Musikmesse ist zu Ende. Neues? Jein. Seit 1974 habe ich nur zwei verpasst, 84 und 91. Und wie es so ist bei Jubiläen, blicke auch ich zurück und staune. Fürwahr, wir klangen immer schlecht. Aber nie klangen wir schlechter als dieses Jahr!

Der US Prime Live-Act versank in apokalyptischem Soundbrei. 50 Meter um das Agora-Zelt war Verständigung mit Würde kaum möglich. Drinnen stank es nach Schalldruck. In den Hallen dienten – teils ungewollt komisch – großinszenierte, gut visualisierte Produktvorführungen als effektivstes Argument, just dieses Instrument, diese Technik nicht zu kaufen. State-of-the-Art, Cutting-Edge Verstärkerprodukte klangen im Kreuzfeuer des Mitbewerbs schlechter als vor 20 Jahren. Gitarren-Demos waren wie erwartet mosquitos in a coke can – nur lauter, viel zu viele und auf viel zu engem Raum. Wurde einstmals die 70 dB Oberlärmgrenze noch durch Kontrollen forciert, so glich sie diesmal dem Apell an die Selbstbescheidung der Manager. Ein Zeichen. Fragen? Auch ein hochkarätig besetzter, inhaltlich exzellenter und als Prestigetermin im Rahmenprogramm der Messe positionierter Vortrag über Konsumentenverhalten schrammte wegen Verständlichkeitsproblemen knapp an der Blamage vorbei. Wegen einer Selbstverständlichkeit der modernen Veranstaltungstechnik bzw. deren Abwesenheit: Funk-Ansteckmikrophone.

Krise? Nein, von der Krise war wenig zu spüren. Insgesamt schien die Stimmung gut. Gesprochen wurde zwar darüber, aber man teilte großzügig die Meinung, dass man sich doch erstaunlich gut dem Trend entziehen konnte. Bislang. Schulterklopfen. Eierkuchen.

Was bei mir die Neugier weckt. Und tatsächlich – was, wenn uns die Krise längst erreicht hat – viel früher schon? Und wir haben es einfach nicht bemerkt? Könnte es nicht sein, dass wir längst getroffen wurden, in einer Ecke, die wir völlig aus dem Blick verloren hatten? Im Bereich der Außenwirkung? Vielleicht, weil wir längst eisern sparen – dort, wo es nicht den nackten Zahlen dient? Hat das Regiment der Controller vielleicht schon längst die Schlüssel der Stadt? 

Okay, nein, jetzt ernsthaft. Wir sparen am Proof-of-Concept, am Kern der Sache: Wir sparen am Klang, am guten Klang, am Montagepunkt unserer Zunft. Warum? Weil man ihn nicht sieht. Denn dies war auffällig: Die Visuals auf den Ständen hatten sich gebessert. Broschüren, Poster, Licht und Deko – á la bonne heure! Weil man aber Geld nur einmal ausgeben kann – haha, altes Controller-Späßle, Herrschaften, köstlich nicht? – war nix mehr im Topf für gute alte Soundmaßnahmen. Außerdem sind gute alte Soundmaßnahmen personalintensiv und man spart halt so gern an den Menschen, den lästigen.
Konsequenz? Verantwortung? Markenführung? Brand-Image? Corporate-Identity? Nur das Nötigste. Nie mehr als das Arbeitsverhältnis rechtfertigt und immer, husch-husch, schnell-schnell, merkt ja keiner. Klang? Dergestalte Anliegen werden gerne in die mittleren Gehaltsstufen zurückverschoben, weil man sich hier oben, bitte, beim besten Willen nicht auch noch mit solchen Frauenthemen beschäftigen kann.

Dekoratives Handeln. Schlimmer noch: Rituell-dekoratives Handeln. Werbung wird nicht mehr am Resultat gemessen, sondern am Budget, Maßnahmen nicht mehr an ihrer Wirkung, sondern am Aufwand. CC – Corporate Crap! Und so entfernen sich Händler, Musiker, Hersteller, Aussteller, Künstler, Macher und Organisatoren immer weiter voneinander vor den Augen der verdutzten Endverbraucher. Kann man Musik eigentlich verbrauchen? Na, auch egal.
Meine Beobachtung: Je weniger die Technik eingesetzt wurde, die alles erst so schön hörbar machen will – Verstärkung und dessen Processing – umso besser wurde es. Joey DeFrancesco live an einem kleinen italienischen Orgelstand in Hall 5.0. Fette Echt-Drums in der 3.0. Ein homöopathisch verstärktes Bluegrass-Trio in Halle 3.1. Akustisches Klavier in 3.0. Eine Sängerin mit Kleinst-PA in der 8.0. Slap-Bass fresh from the amp itself. Priceless! Alles in Maßen. Alles mit Verstand. Wunderbar!

Aber das waren die Ausnahmen. So auch das gestochen klare Klangbild, gleich dem fernen Echo einer vergessener Welt – das “Radio Mobile”. Die Zwangsbeträllerung, wann immer man sich aufmachte, Kraft seiner Standbeine, über das Förderband gleitend, fremde Hallenwelten zu erobern, auf der Suche nach den den äußeren Grenzen des Seins.

Aber mitnichten – ich bin ich ein Gestriger! Ich bin auch kein Leisetreter. Meine Gitarrenboxen haben ihre Rollen nicht zur Deko. Ich mag’s nur leise, wenn’s laut nicht klingt. Und a g’scheite Kick-Drum muss immer die Wurst vom Teller schieben.
Dennoch bezweifle ich vehement, dass wir noch in Kontakt stehen mit der alles entscheidenden Frage, mit der wir antraten, als Branche, als Kunstverein, als Industrie: 

Was will der Mensch, wenn er Musik meint?

Nein, soviel steht fest: Besser wurde es nicht in Frankfurt. Größer – ja. Bunter – sicher. Vielfältiger – fraglos. Aber eben auch lauter, dummdreist lauter. 
Seien wir deshalb ehrlich: Frankfurt 2009 – wir haben gezeigt, zu welchem Schalldruck wir fähig sind, zu welchen Dröhnfrequenzen, Auslöschungen, Phasenverschiebungen und Plärrhöhen. Hätten wir beabsichtigt dies zu zeigen, als wir antraten vom 1. bis zum 4. April, dann ließe sich sekundieren  “Jawohl, das ist geglückt.”
Haben wir aber nicht.
Weil es nämlich etwas ganz anderes ist, das der Name “Musikmesse” so unschuldig in unsere Hände legt.

Oh gewiss, es gibt viele gute Gegenbeispiele und natürlich übertreibe ich – und dennoch: Es wurde viel Werbung für unsere Begleiterscheinungen, für unsere Abfallprodukte und Nebenwirkungen gemacht: Lärm, Krach und Ohrenpfeifen. Deshalb formuliere ich es mal vorsichtig so: Vom 10. bis 14. Oktober ist wieder die Anuga in Köln, die nach eigenen Worten wichtigste Food & Beverage Messe der Welt. Und die – da bin ich mir sicher – wird im Gegensatz zur Musikmesse peinlich genau darauf achten, dass man nur den Genuss und nicht den “Fallout” von Food & Beverage zu schmecken und zu riechen kriegt.